Mittwoch, 6. September 2017

Wenn die Demokratie zur Diktatur wird

Früher oder später wird es weitgehend Zensur geben und zwar nicht in der klassischen Diktatur - an die jetzt viele denken mögen, nein, da gibt es sie schon, hat lange Tradition - sondern in der Demokratie, in der hochgelobten Demokratie, und zwar mit dem Zeitpunkt, an dem die Menschen die Bildung, oder sagen wir das Wissen, das sie genossen, zu sehr anwenden, also zum Hinterfragen nutzen. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem das Hinterfragen zu weit geht, an dem das Hinterfragen genau so demokratiezersetzend eingestuft wird wie etwa terroristische Aktivitäten. Und vom wem?

Die Rede ist von den jeweils Regierenden, da zu diesem Zeitpunkt im Zuge des Hinterfragens, das es wert ist so genannt zu werden, auch diejenigen ausgiebig hinterfragt werden, die in der Demokratie das Sagen haben, die die Informationen verbreiten, das Wissen erzeugen, die Bildung vermitteln und ironischerweise die längste Zeit zum Hinterfragen anregten, weswegen sie dann, wenn sie selbst hinterfragt werden, den Hahn schnell zudrehen, von Fake News sprechen, weil ihnen die Deutungshoheit aus den Händen gleitet, womit sie, unter dem Vorwand die Demokratie bewahren, retten zu wollen, doch nur um ihre eigene gepflegte Haut zu retten, die Demokratie zur Diktatur mutieren lassen, zur Diktatur der Fakten, die ihrer Aussage gemäß der Meinung entgegen stehen und damit die Meinung wieder unterdrücken.

Doch die Fakten, liebe Leute, sind letztlich nur die etablierte Meinung derer, die oben sitzen und es so gesehen haben wollen, wie sie es uns sehen lassen wollen. Sie nennen es 'Fakten' und alles andere, was von ihrer Sicht abweicht, demgemäß 'Unwahrheit' oder gar 'Lüge'. Das müssen Sie mir nun übrigens nicht glauben, denn ich spreche nicht von Fakten, sondern bloß von meiner Meinung und Einschätzung.

So ist der Vorwurf der Fake News nur ein Propagandainstrument zum Zwecke des Machterhalts und letztlich eine Folge der Demokratisierung, und der Wissensdemokratisierung, worüber jeder so weit ermächtigt wird, dass jeder 'alles' weiß, oder über das Internet jeder zum Experten wird, Experte in 'allem', keiner mehr Experten der herkömmlichen Art braucht, Experten somit ihre Funktion, ihre Rolle, ihre Macht einbüßen, ihr Monopol auf Wissen, das ihnen garantierte, dass es ohne sie nicht geht, dass man sie braucht, dass man nicht um sie herumkommt.

Der Vorwurf von Fake News ist also ein selbstgeschaffenes Resultat derer, die es nun kaum fassen können, dass ihnen die Felle davonschwimmen und sich die auf ihr Betreiben gebildeten Massen nun gegen sie richten, indem sie ihnen nicht mehr ungeschaut aus der Hand fressen, nicht mehr unkritisch alles schlucken und nachbeten, was sie ihnen die längste Zeit vorkauten und predigten. Sondern die erstarkten Massen hinterfragen sie nun, hinterfragen also diejenigen, die die Informationen bringen, die bislang weitgehend unangefochten das brachten, was man glauben sollte, und nun 'plötzlich' hinterfragt aus allen Wolken(städten) fallen, die sie bevölkern, weil sie nicht damit rechneten, dass die von ihnen (aus)gebildeten Massen irgendwann das propagierte Hinterfragen auch auf sie anwenden und anfangen würden zu fragen, warum man das, was sie ihnen bringen, denn glauben sollte.

Damit einher geht, dass nicht nur diejenigen, die die Informationen verbreiten und einander der Fake News bezichtigen, hinterfragt werden, sondern auch die, die das von jenen eben Genannten verbreitete so 'hochgeschätzte' Wissen erstellen, an Instituten, an Universitäten ausbrüten. Sie werden nun ebenso hinterfragt, und auch dahingehend wer ihre Auftraggeber sind, wer hinter ihnen steht, für die sie das Wissen erzeugen oder besser lukrieren, da die Freiheit der Wissenschaft, sofern sie denn je bestand, seit der Einflussnahme von Konzernen auf Institute und Universitäten zu Grabe getragen wurde und damit die Vielfalt in der Wissenschaft, und letztlich im Geiste und der Gesellschaft, auf die Vermarktung, die Vermarktbarkeit von Erkenntnis reduziert wird, Kreativität auf Innovation, und so nur mehr das unmittelbar amortisierende, der schnell zu Geld machbare Gedanke und nur eine eben solche Forschung von multinationalen Konzernen finanziert wird, von denen immer mehr Institute und Universitäten kontrolliert werden.

"Einflussnahme hat's immer schon gegeben!" - bitte keinen historischen Fehlschluss begehen - doch die Akkumulation des Kapitals und damit die Konzentration der Macht auf immer weniger verbleibende Konzerne, in einer Fusionsschlacht, führt dann zu einer exponentiell zunehmenden Akkumulation der Einflussnahme. Der Amerikanisierung der Wissenschaftswelt auch am europäischen Kontinent sei 'Dank', die suggeriert (Turbo-)Kapitalismus nicht als Ideologie anzusehen, und ihn daher als alternativlose, faktengestützte, realitätskonstituierende - glaubt man den sogenannten Experten - geradezu naturgesetzliche Wahrheit anzusehen und zu akzeptieren, und nicht als bloße soziale Konstruktion, die der Kapitalismus nun mal ist.

Systemischer Analyst und Philosoph
Dr. Dr. Immanuel Fruhmann