Montag, 11. September 2017

Krieg der Medien

Ein chinesisches Sprichwort lautet: "Mögest du in interessanten Zeiten leben." Und ich denke, wir leben in so einer Zeit.

Wir leben in einer Zeit, die an Polarisierung kaum zu übertreffen ist, aber so wie ich die Menschheit kenne, wird sie das auch noch schaffen. Und die Spannungslage, die zwei Fronten und Pole, stellen ein Sittenbild dar, wenn auch ein schauerliches und ruft daher Konstruktivisten, Ideologiekritiker sowie systemische Denker auf den Plan.

So verkünden die einen Nachrichtenstationen und Blätter - sie bilden die Mehrheit, jedenfalls derzeit noch - zu ein und demselben Vorfall die Fakten, die für sie die Wahrheit sind, also was man glauben soll. Die anderen Nachrichtenstationen und Blätter berichten ebenfalls über ein und denselben Vorfall, nur eben ganz anders, ziehen andere Schlüsse, präsentieren andere Fakten, eine andere Wahrheit, und drängen darauf, dass man ihnen Glauben schenkt.

Dazwischen befindet sich der ach so mündige Bürger, der Konsument, der stets weiß, wie's rennt. Er ist den medialen Marktschreiern relativ schutzlos ausgesetzt und in den meisten Fällen ihrer Propaganda letztlich ausgeliefert, hin- und hergerissen - es gilt ihn ans eigene Ufer zu ziehen. Beide Fronten in diesem Medienkrieg, in diesem Krieg der Medien, in diesem Krieg der Weltbilder, der Weltdeutungen, bezichtigen sich gegenseitig der Lüge, beschimpfen einander Teil der "Lügenpresse" zu sein, also Fake News.

Doch alles, was als Fakt erscheint, rüberkommt, präsentiert wird, ist bloß der für wahr angenommene Ausschnitt der Wirklichkeit mit den daraus gezogenen Schlüssen und daher hochgradig von der Interpretation und der "Standortgebundenheit der Erkenntnis" (Wissensoziologie - Max Scheler, Karl Mannheim) sowie dem "Vorverständnis" und "Vorwissen" (Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer) desjenigen, der die Fakten bringt und desjenigen, der sie vernimmt, abhängig, auch wenn man davon, wie viele Medienkonsumenten, nichts weiß.

Wenn man also Ideologie und die dahinterliegenden Interessensgruppen, die sich über Nachrichtenstationen und Blätter gerne Gehör verschaffen und ihrem Dafürhalten nach sich selbst als die Guten (friend-foe-scheme) erleben und ausgeben - mit der Wahrheit im Köcher, die in Wahrheit getränkten Pfeile auf die Ungläubigen, die Andersdenkenden mit Inbrunst abfeuern - also ihre Propaganda und Manipulation der Massen betreiben - für "das Gute" versteht sich - in der Lage ist wegzudenken, auszublenden, wird für den geneigten Leser eines sichtbar: Auch wenn die Manipulation der Massen durch dahinterstehende Interessensgruppen kein neues Phänomen ist, sie im 20. und 21. Jahrhundert nun durch neue Massenmedien eine viel invasivere Dimension erfahren hat, drohen gerade im Westen, der sich selbst für die entwickelte Welt hält, durch das hochpolitisierte Sperrfeuer so vieler in führenden Nachrichtenstationen und Blättern, die Früchte der Aufklärung, das "Sapere Aude!" (Wage es deine Weisheit zu gebrauchen!), bei diesem medialen Kriegsgetöse auf der Strecke zu bleiben.

Und ironischerweise gerät gerade die Vorherrschaft der Mehrheit der etablierten Medien, die nunmal sicher nicht rechts ist, just in der Phase massiv ins Straucheln, an dem das über Jahrzehnte betriebene Infragestellen von Autoritäten - die Maxime und Grundlinie vieler linker Gruppierungen - so weit gediehen ist, dass dieses kritische Hinterfragen von allem und jedem weite Teile der Bevölkerung erfasst hat, und die Kritik somit nun auch die etablierten Medien in ihrer bislang unangefochtenen Prädominanz erreicht hat, besonders durch Social Media und damit das Ausfransen der Informationskanäle und die Vervielfältigung und Verbreitung von Meinung.

Somit wurden die über lange Zeit eine Monopolstellung der Informationsvermittlung genießenden etablierten Medien, wenn sie auch ihre "Seid kritisch Millionen!"-Maxime auf konservative und traditionalistische Kräfte gerichtet hatten, die sie mit Bestrebungen wie Bildungsoffensiven und Demokratisierung damit richten oder zumindest ihrer Macht und Pfründe berauben wollten, selbst nun Opfer ihrer eigenen Revolution, der permanenten Revolution, die nun eben auch ihre Kinder, ähnlich der Französischen Revolution, als etablierte links gerichtete Medien, auffrisst.

Wenn man all das für einen Moment aus der Gleichung ausklammert, bleibt einfach nur, dass sowohl die eine Seite, die einen Nachrichtenstationen und Blätter, mit ihren dahinterstehenden Interessensgruppen, deren Ideologie, Werthaltung und Weltbild, als auch die andere Seite, die anderen Nachrichtenstationen und Blätter, mit wiederum dahinterstehenden Interessensgruppen, mit deren Ideologie, Werthaltung und Weltbild, verzweifelt und vehement um die Aufmerksamkeit der Zuseher, Leser und Konsumenten buhlen.

Denn auch der Linkste all jener Schreiberlinge, der Linkste all jener Sender und das Linkste all jener Blätter, so links er und sie auch immer tönt und sich gibt, ist dennoch eingebunden ins kapitalistische System und muss sich irgendwie, ob direkt oder indirekt finanzieren, und das geht nunmal am besten durch die Clickrate, die auflagendienliche mediale Effekthascherei und die Befriedigung von Sensationslust, sowohl der eigenen als auch der Rezipienten, und schlicht durch die bewusste oder unbewusste Selbstinstrumentalisierung für eine wie auch immer geartete politische Agenda, während man sich als neutral sieht und die eigene Wahrnehmung, die eigene Interpretation des Geschehens für objektiv hält, für die Wahrheit ausgibt und ständig von Fakten spricht, und etwa ganz auf Konstruktivismus, Erkenntnistheorie, Ideologiekritik, Cartesianismus, sowie auf das Augenscheinliche im Museum der Wahrnehmung und die Erkenntnisse der menschlichen Biologie vergisst, worin bekannt ist, dass wir die Dinge nicht so sehen, wie wir sie sehen, sondern auf dem Kopf stehend, und erst unser Intellekt, unser Verstand, das Bild, das wir mit unseren Augen sehen und für wahr halten, dieses Bild umdreht, das wir dann für wahr halten, für die Wahrheit, für fest und manifest, als wäre es wirklich so, und nicht auf dem Kopf stehend, obwohl es nichts anderes ist als unsere Konstruktion.

Und weil so viele davon nichts wissen und viele davon nichts wissen wollen, sind sie felsenfest auf einem politischen Kreuzzug, im Zuge dessen sie sich im Recht wähnend die Wahrheit, die Fakten, die Objektivität in die Welt bringen wollen, der Welt, zu der wir (spätestens seit Immanuel Kant) keinen unmittelbaren, also direkten Zugang haben, sondern der durch unsere Wahrnehmung verfälscht ist, wovon wir wüssten, wären wir gebildet und nicht nur informiert von der einen oder der anderen Informationsquelle, ergo Nachrichtenstationen und Blätter.

Da dem aber im Regelfall nicht so ist, die meisten sich für gebildet halten und oft auch noch durch Universitäten gestützt "selbstimmunisiert" (Ernst Topitsch) werden, missbrauchen so viele die Medien für ihre unlauteren, unethischen Zwecke und ziehen, wie so viele in den Medien heutzutage, hochpolitisiert und mit Schaum vorm Mund, der Hetze verschrieben, gegeneinander in den Krieg, obwohl sie gut daran täten nicht auf die medialen Kriegstrommeln zu schlagen, sondern ihre klaffenden Bildungslücken zu schließen, womit sie ein Leben lang zu tun hätten.

Vom ideologiekritischen Standpunkt aus gesehen ist es hilfreich, wenn man Fake News wahrnimmt und über entsprechende Gegenmaßnahmen nachdenkt, mindestens eine 3-Teilung zu treffen, gestaffelt nach dem Schweregrad der sozialen Beeinflussung bzw. des daraus entstehenden Schadens für die betroffene Person/Gruppe.

Mein zur medialen Selbstkritik anregender Vorschlag eines "Fake News Identification and Analysis Systems" (FIA-System) formuliert folgende 3 Kategorien (Cat.1/Cat.2/Cat.3), aufbauend auf dem Cat.0 - Basiswert als Referenzgrundlage - die die Abweichung von diesem weitgehend neutralen Basiswert Cat.0 beschreibt:

  • Base Value Cat.0 - Weitgehend neutrale Darstellung - ausgehend vom wissenschaftlich-redlichen Versuch eine neutrale Sicht (Cat.0) auf eine Person, eine Gruppe, ein Ereignis, eine Situation unter Vermeidung von vorgefassten ideologisch gefärbten Unterstellungen. Diese Kategorie, die selbst nicht in die Kategorisierung der Fake News fällt, sondern sich um eine 360°-Beschreibung von Personen/Ereignissen bemüht, ist als Referenzgrundlage Cat.0 in die Systematisierung einzuführen und für folgendes Referenzsystem der Kategorisierung der Fake News in Cat.1/Cat.2/Cat.3 heranzuziehen.
  • Fake News Cat.1 - Subtile Fake News: Fake News, die im öffentlichen Bereich ideologiegeleitet (subtile) Manipulation zur Sicherung etablierter Deutungshoheit über Massenmedien betreiben, aber auch über Soziale Netzwerke (Bots) veröffentlicht werden.
  • Fake News Cat.2 - Persönliche Diffamierung/Üble Nachrede: Soziale Phänomene der Ausgrenzung (Mobbing), wie in Schule/Beruf, über Social Media mit der Absicht eine bestimmte Person bzw. konkret gefasste Gruppe persönlich zu diffamieren und in ein gesellschaftlich schlechtes Licht zu rücken.
  • Fake News Cat.3 - Crime Fake: Frei erfundene Unterstellungen krimineller Handlungen auf Basis von ins Kriminelle weitergesponnenen Anschuldigungen.

Die Grenzen zwischen den formulierten Kategorien sind fließend und können in Zwischenstufen differenziert werden, was etwa bei Cat.0.5 News bereits eine tendenzielle Berichterstattung bedeutete. Doch die Fake-News-Forschung steht erst am Anfang.

Systemischer Analyst und Philosoph
Dr. Dr. Immanuel Fruhmann